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Die Vereinsfahne

Die Vereinsfahne
von Wolfgang Albrecht

Im Jahre 1912 war der Turnverein gerade 20 Jahre alt. Da war es höchste Zeit, eine Vereinsfahne anzuschaffen. Das gehörte damals unbedingt dazu, wie sollte man denn sonst bei den vielen Festumzügen antreten? Ein Verein ohne Fahne war in jeder Beziehung ein armer Verein. 1913 war es dann soweit.

Aus diesen Tagen gibt es drei bedeutsame Dokumente:

Eine Anzeige im „Rheinpfälzer“ vom 13. Juni 1913 mit der Einladung zur Fahnenweihe, ein Unterstützungsgesuch des Vereins an die Gemeinde mit dem abschlägigen Vermerk und eine Kommissionskopie über die Bestellung der Vereinsfahne.

Es war sicher ein gelungenes Fest, jene Fahnenweihe, das in gewohntem Stil abgehalten wurde. Die Einladung im „Rheinpfälzer“ war bestimmt nicht ohne Wirkung geblieben, und damals feierte man gern. Herr Josef Cambeis, ein 90jähriger Queichheimer, der jetzt in der Bürgerstraße wohnt, hat als 12jähriger das Fest miterlebt. Er erinnert sich noch heute an den großen Festzug. Dass die politische Gemeinde das Unterstützungsgesuch des Vereins ablehnte, hat die Turner damals sicher sehr enttäuscht, denn reich war der Verein keineswegs. Aber man ließ es sich nicht verdrießen und hat trotzdem die Fahne bestellt. Laut Kommissionszettel war sie 115 x 115 cm groß, eine Seite blau, die andere cremefarben. Natürlich wurde das gesamte Zubehör gleich mitbestellt. Es ist wie folgt beschrieben: Zweiteilige Fahnenstange, drei Paar weiße Handschuhe und Schärpen für Träger und Begleiter, ein Trauerflor und die vergoldete Spitze mit den vier großen „F“, dem Symbol der Turner. Dazu kamen dann noch 1000 Postkarten mit dem Bild der Fahne. Das alles kostete zusammen 350 ,- Mark, dies entsprach dem Einkaufspreis von 20 Hektoliter Bier.

Am 10. Juni 1913 wurde das Prachtstück ausgeliefert. Die Lieferfirma setzte ein großzügiges Zahlungsziel. Zahlbar waren 200 ,- Mark am 1. Oktober 1913, die restlichen 150 ,- Mark zum 1. Januar 1914. Vermutlich hat der erwartete Überschuss aus der „Fahnenweihe“ zur Finanzierung beigetragen. Warum die Gemeinde das Unterstützungsgesuch abschlägig beschieden hat, ist nicht erkennbar überliefert.

Die 4 großen „F“ bilden das sogenannte „Turnerkreuz“ mit dem Wahlspruch „Frisch, Fromm, Fröhlich, Frei“, und es soll sogar einmal einen Vereinsvorstand gegeben haben - es war nicht der Queichheimer -, der anlässlich einer Fahnenweihe ausrief: „Und so wollen wir für unseren Verein den 4 großen „F“ noch ein fünftes hinzufügen: Forwärts!“

Man nahm es bitterernst mit dem Wahlspruch, wie ein Liedertext von Otto Thörner aus dem vorigen Jahrhundert zeigt, und der auch heute für die Turner noch gilt, wenn auch nicht mehr so inbrünstig gesungen.

1. Zieh’ aus, du frische Turnerschar,
zeig’ deine Meisterschaft
und stell’ in Kampf und Spielen dar
die ewig junge Kraft!
Wie Lenzhauch überm Ackergrund
weht es aus deinen Reih’n, -
du großer deutscher Turnerbund
wirst Deutschlands Frühling sein!

2. Zieh’ aus, du fromme Turnerschar!
Verachte jeden Spott!
In deinen Taten deutsch und wahr,
lebt auch der deutsche Gott!
In Körpern, blühend und gesund,
bleibt Sinn und Seele rein, -
du großer deutscher Turnerbund
wirst Deutschlands Segen sein!

3. Zieh’ aus, du frohe Turnerschar,
von Mut die Wangen rot!
Am Himmel künden Wolken zwar
von mancher künft’gen Not;
du weckest einst in schwerer Zeit
des Morgens hellen Schein, -
du großer deutscher Turnerbund
wirst Deutschlands Sonne sein!

4. Zieh’ aus, du freie Turnerschar,
zu Siegen, groß und kühn!
Mit deutschen Stolze trag’ im Haar
der Eiche schlichtes Grün!
Einst flicht man dir mit Hand und Mund
den echten Lorbeer drein, -
du großer deutscher Turnerbund
wirst Deutschlands Zukunft sein!

Die Fahne konnte über die Wirren zweier Kriege gerettet werden. 1966 schien die Zeit gekommen, die leicht lädierte Fahne durch eine neue zu ersetzen, aber bei einem Kontostand von nur 1.000,- DM entschied man sich für die Anschaffung rutschfester Turnmatten. Der richtige Turngeist kann auch, wenn nötig, das Praktische vor das Ideelle stellen. Später fand man dann eine Kompromisslösung. Man ließ im Jahr 1982 für 2.900 DM die alte Fahne restaurieren. So leuchtet sie jetzt beim 100jährigen Stiftungsfest in neuem Glanz.

Lassen sie mich abschließend feststellen, dass eine Fahne als Symbol auch nur dann einen Sinn hat, wenn der Verein, der sich um sie schart, auch in der Bevölkerung, der er dienen will, seine Wurzeln hat. In Queichheim gibt es noch heute dem Verein verbundene Familien, deren Wurzeln bis in seine Gründerjahre zurückreichen.

Da gab es einen Vorstand Georg Michel, Schuhmachermeister, von dem ein Nachfahre noch in der Birnbaumstraße lebt, ein Landwirt Ludwig Jäger, Schriftführer, ist der Vater von Willi Jäger (Elektro-Jäger) in Landau, der Großvater von Ruth Seeland in der Queichheimer Hauptstraße, Heinrich Guthy, war 2. Vorstand. Von einem weiteren 2. Vorstand, dem Landwirt Jakob Beyer, wohnt die Tochter, Frau Martha Lembke, heute noch im gleichen Haus in der Hauptstraße; von dem Schriftführer August Konrad gibt es noch Nachfahren in der Schmiedgasse und vom 1. Turnrat des Vereins, dem Schlossermeister Alois Kölsch, wohnen Tochter und Schwiegersohn, die Eheleute Seppl Röhrl, in der Kraftgasse. Vom Gründungsmitglied Jakob Sachs lebt eine Enkelin in der Rupprechtstraße, und vom Gründungsmitglied August Loran wohnt die Schwiegertochter, Frau Hildegard Lambert, in der Hintergasse. Es gab auch einen 2. Turnwart Valentin Michel, dessen Enkel, Werner Brandt, in der Elfenau wohnt. Frau Karoline Dahl in der Hintergasse ist die Nichte eines anderen 2. Turnwartes, Johannes Dahl, von Beruf Eisenbahner. Von einem 1. Turnwart, Jakob Kehrt, wohnen in der Hauptstraße der Schwiegersohn Willi Bauer und der Enkel Fritz Bauer. Dieser Jakob Kehrt war der erste Queichheimer Bürger, der mit dem neuen Geläute der prot. Kirche 1954 zu Grabe geleitet wurde. Der Fuhrmann Simon Spies, dessen Frau die Gastwirtschaft „Zum Schwanen“ betrieb, war 1. Turnwart. Seine Enkeltochter ist Cäcilie George. Von dem Turner Ludwig Vogelsanger lebt die Enkeltochter, Frau Inge Letzelter, in der Kraftgasse. In der Hintergasse wohnt Frau Juliane Sauer, die Schwiegertochter des Gründungsmitglieds Kaufmann Franz Sauer. Es gibt sicher noch mehr Verbindungen in die Vergangenheit. Die aber zu ergründen, hätte es längerer Zeit bedurft.

Was die Männer der ersten Jahre empfanden, wie es sie in die Turnstunden trieb, was der Verein ihnen bedeutete, haben sie vor 100 Jahren mit vielen Gleichgesinnten gesungen.

2. Und kommet am Abend die Stunde heran,
so hält mich kein Teufel zu Hause,
und hab’ ich die Turnschuh’, die Hosen erst an,
so lockt mich nicht Fest und nicht Schmause.
Und winkt mir der Barren und winkt mir das Reck
im flatternden Licht in den Hallen,
hei, schwing’ ich an Holmen und Stangen
mich keck, als hielt ich mein Liebchen umfangen.

3. Wie hebt sich im Busen das Herze mir dann
im Kreise der fröhlichen Brüder,
und donnert der Turnwart: Heran alle Mann!
Wie stramm steh’n dann Reihen und Glieder!
In lustigem Wechsel, bald Hantel, bald Stab
mit Eifer und Mut wird geübet,
im Zickzack die Hall’ oft gemessen im Trab,
wie je nur ein Turner es liebet.

„Es hat dem Chronisten Spaß gemacht, aus dem Protokollbuch und den Erzählungen Queichheimer Mitbürger diese Berichte zu verfassen. So wie früher jede Versammlung mit dem Turnergruß eröffnet und geschlossen wurde, sage ich dem Jubilar ein „Gut Heil!“, und zu dem Bau Eures Turnerheims, dem ersten nach 100 Jahren, handelt nach dem alten Turnerlied:
Auf denn, Turner, ringet! Prüft der Sehnen Kraft!
Doch zuvor umschlinget euch als Bruderschaft:
Großes Werk gedeiht, nur durch Einigkeit!
Großes Werk gedeiht, nur durch Einigkeit!“

Quellenverzeichnis:
Protokollbuch des Turnvereins von 1892 - 1905
Gespräche mit Queichheimer Bürgern Okt./Nov. 1991
Liederbuch für die deutsche Turnerschaft,
herausgegeben von Ferdinand Götz