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Die Turnhalle

66 Jahre Turnhalle Queichheim
von Egid Großmann

Im Amtsblatt des Rhein-Main-Saar Verbandes für Leichtathletik vom 31.5.1927 ist zu lesen:

„Was unsere Turnhallen sind?
Werkstätten sind’s, in denen ohne Ermüden Altmeister Jahn des Hammers sich bedient, den Ring der deutschen Einigkeit zu schmieden.“

Diesen pathetischen Text kann man heute nur mit gemischten Gefühlen lesen. Das oben zitierte Amtsblatt war eine Beilage im Landauer Anzeiger. Der Artikel ist überschrieben: „Überall pulsierendes Turnerleben“. Er stellt fest, dass das Streben der Turnvereine, sich eigene Turnhallen zu bauen, sich von den Wirtshäusern und Schulturnhallen unabhängig zu machen, trotz der großen Not der Zeit, erfreuliche Fortschritte mache. Im Jahre 1926 seien allein 169 Turnhallen entstanden. Es gab in diesem Jahr 1392 Turnhallen in Deutschland, die meisten in Sachsen, Schwaben und Bayern. Die Pfalz befand sich mit 73 Turnhallen auf Platz 7.

Es gab zu dieser Zeit ein weitverbreitetes Bedürfnis der Turner, eigene Räume für die Praxis ihres Sportes zu haben. Auch die Turner des Turnvereins Queichheim 1892 e.V. haben sehr darunter gelitten, dass sie nicht über eigene Räumlichkeiten verfügen konnten. Sie haben sich vom Zeitgeist anstecken lassen und haben sich entschlossen, Abhilfe zu schaffen. Sie wollten sich selbst helfen. Mit Mut und großem Einsatz ging man ans Werk. Der Plan zur Turnhalle wurde 1925 genehmigt. Er sah eine Halle vor, die 285 Quadratmeter Bodenfläche haben sollte. Sie war 20 Meter lang und 9,50 Meter breit. Die Bauarbeiten wurden vorwiegend nach Feierabend von den knapp 200 Mitgliedern des Turnvereins ausgeführt. Die Zimmer- und Fensterarbeiten wurden vergeben. Besondere Mühe machte die Auffüllung des Geländes, das im Erbbaurecht von der Gemeinde Queichheim zur Verfügung gestellt wurde. Es bedurfte 150 Fuhren Grundes, um den tief gelegenen Platz aufzufüllen. Im Juli 1926 war die Halle dann fertiggestellt. Sie wurde bei den oben aufgeführten neuen Hallen mitgezählt.

Das Fest der Hallenweihe konnte am Samstag, den 4. Juli, und am Sonntag, den 5. Juli 1926, begangen werden. Aus Anlass des Festes war im Landauer Anzeiger zu lesen: „Was noch kein Landauer Turnverein fertiggebracht hat, das ist dem Queichheimer Turnverein gelungen. In langer und zäher Arbeit haben seine Mitglieder eine eigene Turnhalle erbaut. Die Einweihung wird an diesem Wochenende gefeiert.“ Am Samstagabend gab es ein Festbankett in der neuen Halle. Die Festrede wurde vom 2. Vorstand Ludwig Kehrt gehalten. Am Sonntagvormittag stellten sich 600 Wettkämpfer zum Neunkampf und zum Männerdreikampf. Es war ein heißer Sommertag. Mit einem Festumzug ging es nachmittags zum Festplatz. Dieser befand sich damals auf dem Platz, wo heute die Ortsverwaltung steht. Bei der folgenden 4 mal 100 Meter Pendelstaffel waren 17 Staffelmannschaften beteiligt. Es war ein schönes Fest, das im Speyer-Turngau große Beachtung fand.

In den Fotoalben vieler Queichheimer Bürger geben Erinnerungsfotos Zeugnis von einer regen Nutzung der neuen Turnhalle. Leichtathletikfeste, Theateraufführungen, Weihnachtsfeiern, Tanzveranstaltungen, Versammlungen und vor allem der regelmäßige Turnbetrieb machten die Halle für Queichheim zum kulturellen Mittelpunkt und mehr und mehr unentbehrlich. Doch es gab auch Sorgen. Die Instandhaltung der großen Halle war aufwendig. Noch hatten sich die Zeiten nicht gebessert. Die politische und wirtschaftliche Lage erlaubte keine Förderung des Vereinsturnens. Man schrieb das Jahr 1937, die Zeit des 3. Reiches hatte begonnen. Landau war nach langjähriger französischer Besatzung deutsche Garnisonsstadt. Mörlheim und Queichheim wurden eingemeindet. Es wird berichtet, dass die Queichheimer Bürger in diesem Jahr der Stadt Landau die Turnhalle übereignet haben. Zeitzeugen berichten, dass man damals froh war, die Kosten und die Verantwortung für das Gebäude an die Stadt Landau abgeben zu können. Die Halle stand nun der Leibeserziehung und dem gesellschaftlichen Leben im Rahmen des 3. Reiches zu Diensten. Die gleichgeschaltete Vereinsarbeit und der Krieg bestimmten das Bild. Die Halle selbst überstand erfreulicherweise unbeschadet den Krieg.

Nach dem Krieg formierte sich der Turnverein Queichheim erneut. Er wurde 1950 neu gegründet. Natürlich wollte der Verein wieder seine Turnhalle haben. Aber die Rechtslage bezüglich der Besitzverhältnisse war unklar. Die Stadt Landau sah sich nun als Eigentümerin und wollte das gewonnene Verfügungsrecht nicht mehr aus der Hand geben. Der Turnverein forderte die von ihm erbaute Halle zurück. Es kam verständlicherweise zu heißen Diskussionen und langen Auseinandersetzungen. Der Turnverein Queichheim wollte sich sein Besitzrecht mittels einer Klage zurückholen. Die Klage kam aber mangels der nötigen Geldmittel nicht zustande. Der Pfälzer Turnerbund hatte es abgelehnt, die Prozesskosten zu übernehmen. Man sah sich gezwungen, eine andere Lösung zu suchen. Im Jahr 1951 bildete sich eine Interessengemeinschaft Queichheimer Vereine zur Nutzung der Turnhalle. 1952 arbeitete ein Verwaltungsausschuss unter Vorsitz von Stadtrat Johannes Schneider eine Haus- und Benutzerordnung für die Turnhalle aus. Diese wurde zunächst vom Stadtrat in Landau verworfen. Man zögerte, dem Erbauerverein Sonderrechte einzuräumen. Doch am 25.6.1953 wurde ein Vertrag zwischen der Stadt Landau und dem Turnverein Queichheim 1892 e.V. unterschrieben, der solche Rechte festschrieb.

Er beinhaltete folgende Punkte:

1. Der Turnverein Queichheim 1892 e.V. erkennt uneingeschränkt das Eigentumsrecht der Stadt Landau an der Turnhalle an. Die Rechtsfolgen aus dem Erbaurecht gehen an die Stadt über.

2. Der Turnverein Queichheim erhält für die Zeit seines Bestehens ein unentgeltliches Nutzungsrecht an der Turnhalle eingeräumt. Ein zuverlässiges Mitglied hat unentgeltlich die Geschäfte des Haus- meisters zu besorgen.

3. Zur Gewährung eines ordnungsgemäßen Turnbetriebs ist der Turn- verein bevorzugt bei der Vergabe zu berücksichtigen.

4. Der Turnverein reinigt nach der Benutzung die Turnhalle und haftet für entstandenen Schaden.

5. Die Vergabe der Turnhalle an andere Benutzer erfolgt durch den Eigentümer.

6. Beide Vertragspartner erkennen sich das Recht auf Benutzung der in der Turnhalle untergebrachten Turngeräte an.

1975 wurde durch einen Zusatzvertrag die Verpflichtung, einen Hausmeister zu stellen und die Halle zu reinigen, aufgehoben.

Mit dem am 25.6.1953 geschlossenen Vertrag blieb die Turnhalle die Sportstätte des Turnvereins Queichheim 1892 e.V. Gleichzeitig wurde sie zum zentralen Veranstaltungsraum für alle Queichheimer Bürger und Vereine, sowie zur Turnhalle für die Queichheimer Grundschule.

Als Eigentümerin sorgte die Stadt Landau auf verschiedene Weise für den Erhalt und die Anpassung der Halle für wachsende Aufgaben. Die diesbezügliche Chronik sieht wie folgt aus:

1957 erhielt die Turnhalle einen neuen Fußboden
1961 wurde das Gebäude nach Norden erweitert , und die Haus- meisterwohnung angebaut
1974 erhielt diese Wohnung eine Küche und ein Bad. Im Westen wurden Umkleideräume, Waschräume und Toiletten ange- baut und die Decke der Halle erneuert
1975 erhielt die Turnhalle neue Fenster und Deckenleuchten.

Danach wurden die Queichheimer Vereine im Rahmen des Kulturkreises selbst tätig, notwendige Renovierungen in der Halle vorzunehmen.

1984 wurde die Küche erneuert,
1986 die Bühne.

Der Stadtteil war an Einwohnern gewachsen. Die aktivsten Vereine erfuhren aber immer wieder, dass das Raumangebot in Queichheim unzulänglich war. Die Turnhalle erwies sich für große Veranstaltungen als zu klein. Küche und Garderobe konnten bei großen Veranstaltungen nur ungenügend die Anforderungen bewältigen. Tanzveranstaltungen blieben unwirtschaftlich, weil durch das geringe Platzangebot die Unkosten nicht gedeckt werden konnten. Gaststätten, die früher Säle und Nebenzimmer für die Vereine bereitgestellt hatten, gab es nicht mehr. Der Ruf nach einer Erweiterung der Turnhalle und die Bereitstellung von Versammlungs- und Übungsräumen wurde immer lauter und dringlicher. Die Forderung nach einer Baumaßnahme wurde zu einem wichtigen Anliegen der Queichheimer Bürger.

Über den Kulturkreis wurde ein Raumbedarfskonzept erarbeitet. Dies wurde von dem Queichheimer Architekten Bertel Treiling in konkrete Planung umgesetzt. Nach dem erforderlichen Einigungsprozess mit der Stadtverwaltung und beharrlichen Vorstößen der politischen Bürgervertretung des Stadtteils hat der Stadtrat am 10.9.1991 beschlossen, die Turnhallenerweiterung, auf ein Kostenvolumen von 2,6 Millionen DM begrenzt, durchzuführen und im Herbst 1992 mit den Bauarbeiten zu beginnen. In diesem Kostenrahmen ist ein beachtlicher Anteil an Eigenleistung der Queichheimer Vereine vorgesehen.

Der Neubau bringt zunächst eine Vergrößerung der jetzigen Turnhalle durch den Wegfall der Küche und der Garderobe. Im Osten wird im Erdgeschoss eine geräumige Küche mit Kühl- und Lagerräumen, eine Eingangshalle mit einer Garderobe geschaffen. Im Süden verlängert sich die Halle in einen Gymnastiksaal. Stuhllager, WC’s, Duschen und Umkleideräume sind vorgesehen. Im Obergeschoss gibt es eine Empore, einen Sängerraum und ein Sitzungszimmer. Im westlichen Anbau entstehen im Kellergeschoss die Sozialräume des Fußballvereins und ein Jugendraum. Im Erdgeschoss errichtet der Fußballverein sein Clubheim als Ersatz für die bisherige Baracke. Im Dachgeschoss des westlichen Anbaus baut der Turnverein sein Turnerheim.

Dieses Turnerheim, das einen größeren Übungsraum und zwei weitere Räume nebst Toiletten umfasst, wird sich der Turnverein Queichheim 1892 e.V. im Erbbaurecht und durch Eigenleistung als Eigentum erwerben.

Die Entscheidung für die Schaffung des Turnerheims wurde in einer außerordentlichen Mitgliederversammlung am 10.9.1991 einstimmig beschlossen. Auch heute beweist der Turnverein Queichheim 1892 e.V., dass Mut und Entscheidungsfreude nicht abhanden gekommen sind. So gesehen ist der Turnverein genau so jung wie vor knapp 70 Jahren beim Bau der Turnhalle. Er ist bereit zum Engagement und hat Perspektiven für die Zukunft.

Die Turnhalle ist ein Begegnungszentrum, in dem sich das kulturelle Leben seiner Bewohner vorwiegend verwirklicht.

Quellen:
Archiv der Stadt Landau
Stadtbauamt
Ortsverwaltung Queichheim
Protokolle des Turnvereins Queichheims 1892 e.V.
Bürger der Stadt Landau